Üblicherweise sind die Berichte zum Sudetendeutschen Tag unter der Rubrik Die Nachwuchsecke zu finden, nachdem der Nachwuchs des Heimatkreises die Teilnahme des Heimatkreises Anfang der 2020er Jahre reaktiviert hat. Aufgrund des großen Interesses im Zusammenhang mit dem Austragungsort Brünn ist der Bericht nun jedoch unter der Rubrik Mitteilungen veröffentlicht.
Friedliche Annäherung oder Distanz? Zum ersten Mal fand der Sudetendeutsche Tag in der Tschechischen Republik statt. Das Fazit nach fünf Tagen Aufenthalt lautet: es war weit entspannter als im Vorfeld erwartet.

Große Solidarität
Einige Monate nach der vom Festival „Meeting Brno“ ausgesprochenen Einladung, den Sudetendeutschen Tag 2026 in der mährischen Hauptstadt Brünn/Brno auszurichten, verstrichen, bis wir Aktiven vom großen Informationsstand der Heimatlandschaft Riesengebirge uns entschlossen, beim Sudetendeutschen Tag wieder mit am Start zu sein. Aufgrund der Durchführung in der Tschechischen Republik galt es zunächst, einiges zu klären. Rückblickend sind wir beseelt von den diesjährigen Erfahrungen. Unsere Skepsis, dass Interessierte den Weg nach Brünn nicht auf sich nehmen würden, wurde eines Besseren belehrt.
Nachdem sich die tschechische Politik monatelang nicht zu den Plänen äußerte, den Sudetendeutschen Tag in der Tschechischen Republik stattfinden zu lassen, und Premierminister Andrej Babiš sich bei einem Besuch in Bayern gleichgültig zu der Durchführung äußerte, spitzte sich die Lage wenige Wochen vor Veranstaltungsbeginn zu. Das tschechische Parlament stellte sich nach einer Abstimmung, welcher jedoch ca. zwei Drittel der Abgeordneten inklusive Andrej Babiš fernblieben, gegen die Austragung des Sudetendeutschen Tages in Brünn.
Gab es zuvor bereits Solidaritätsbekundungen von Seiten der tschechischen Zivilgesellschaft für die Durchführung in der Tschechischen Republik, sorgte die umstrittene Abstimmung für noch größere Solidaritätsbekundung.
So erreichte den Heimatkreis Hohenelbe vor Beginn des Sudetendeutschen Tags ein offener Brief der evangelischen Gemeinde der Böhmischen Brüder in Vrchlabí, in welchem dem Heimatkreis die Solidarität im Zusammenhang mit dem Sudetendeutschen Tag ausgedrückt wird. Der Brief endet mit den Worten: „Wir möchten Ihnen sagen: Sie sind bei uns immer herzlich willkommen!“ Unterschrieben ist der Brief von Pfarrer Michael Pfann und dem Kurator Jakub Kašpar. Die evangelische Gemeinde ist seit 2025 Partnerin für die vom Nachwuchs des Heimatkreises in Eigeninitiative organisierten Gedenktreffen in Hohenelbe, die regelmäßig Anfang September stattfinden, dieses Jahr am 4. September. Der Brief ist auf der Internetseite des Heimatkreises veröffentlicht und wurde im vorderen Teil der Sudetendeutschen Zeitung vom 22. Mai 2026 (die Ausgabe mit den Riesengebirgsseiten) abgedruckt. Wer Interesse an dem Brief hat, aber über keine Möglichkeit verfügt, das Internet zu nutzen, möge sich an den Heimatkreis Hohenelbe wenden.
Besonders erfreulich war nach meiner Anfrage die Teilnahme des Riesengebirgsmuseums Muzeum Krkonoš Vrchlabí. So konnten wir als große Standgemeinschaft die Heimatlandschaft Riesengebirge präsentieren. – Beachtlich, wenn man bedenkt, dass man noch im Jahr 2019 einen Riesengebirgsstand auf dem Sudetendeutschen Tag vergeblich suchte.



Friedlicher Protest
Zugegebenermaßen ist einem trotz der vielen Solidaritätsbekundungen etwas mulmig zumute, sich auf den Weg zu machen, ohne zu wissen, was einen vor Ort erwarten wird. „Meeting Brno“ organisierte für jenes Wochenende nicht nur wieder den Marsch vom Massengrab in Pohrlitz/Pohořelice in die Brünner Innenstadt und das Gedenken an die tschechischen Opfer am Kaunitz-Kolleg/Kounicovy koleje, sondern auch erstmals ein Gedenken an die Opfer der Schoa am Brünner Hauptbahnhof, von wo im November 1941 der erste Transport startete, der Tausend Juden ins Ghetto von Minsk brachte. Im Rahmen weiterer Deportationen wurden während des Zweiten Weltkriegs über 10.000 jüdische Einwohner Brünns nach Theresienstadt gebracht. Mit der Gedenkveranstaltung startete der offizielle Teil unseres Aufenthalts in Brünn. Zunächst etwas verloren am Bahnhof stehend, nahm man sehr bald eine größere Gruppe Personen wahr, von denen man nicht wusste, gehören sie nun zu unseren Sympathisanten oder zu unseren Gegnern.

Klarer wurde die Situation, als einige Personen mit tschechischen Fahnen auftauchten und Transparente teils in deutscher, teils in tschechischer Sprache hochgehalten wurden mit entsprechend gegnerischen Aufschriften. Bald mischten sich die Personengruppen, jedoch störten nur ab und an Buhrufe oder Pfiffe. Trotz der Unterschiedlichkeit blieb es friedlich. Und so „klebte“ während sämtlicher Veranstaltungen dieselbe gegnerische Personengruppe an uns. Wobei erwähnt werden muss, dass ich mich von Samstagmittag bis Sonntagabend ausschließlich am Hohenelber Stand aufhielt, mit Ausnahme von maximal einer Stunde, in der mich ein tschechischer Freund vertrat. – Ich betreute den Stand allein. So bekam ich von den Kundgebungen am Samstag während des Friedensmarsches und am Sonntag in Brünns Stadtmitte nichts mit.
Ein Kommentar, der das Wochenende gut beschreibt, ist bei Landesecho (Anm. d. Red.: Magazin für die deutsche Minderheit in der Tschechischen Republik) zu lesen.





Besucher aus verschiedenen Teilen der Welt
In der Messehalle herrschte die gesamte Zeit ein Kommen und Gehen. Es kamen viele Tschechen aus verschiedenen Teilen der Tschechischen Republik, auch aus Rochlitz an der Iser und aus Hohenelbe erhielt ich Besuch. Aufgrund der Nähe zu Österreich waren viele Besucher aus der Alpenrepublik zugegen, jedoch auch viele Besucher aus Deutschland schauten vorbei. Die wohl weiteste Anreise hatten sudetendeutsche Nachkommen aus Brasilien, die als Böhmerwald-Tanzgruppe auch in München einen Termin hatten. Man hatte bei allen Besuchern von tschechischer Seite das Gefühl, dass sie sich sehr freuen, mit uns in Kontakt kommen zu können.

für Literatur und Publizistik Timothée Demeillers
Literatur mit Bezug zum Heimatkreis Hohenelbe
Ein Highlight gab es für den Heimatkreis Hohenelbe bereits am Freitagabend bei der Verleihung der sudetendeutschen Kulturpreise. Der in Frankreich lebende Preisträger in der Kategorie Literatur und Publizistik Timothée Demeillers nimmt die Leserschaft in seinem jüngsten Roman „Le Tumulte et l’oubli“ (Der Tumult und das Vergessen) mit auf eine Reise in seine sudetendeutsche Familiengeschichte. Seine Großmutter stammte aus Hohenelbe. Bislang ist vorgesehen, den in französischer Sprache verfassten Roman ins Spanische und ins Italienische zu übersetzen.
Mit dem Roman Elbland unseres Heimatkreismitglieds Claudia Rikl taucht man indes in deren Familiengeschichte ein. Der Roman lag am Stand des Heimatkreises aus und wurde auf einer Lesung am Sonntagnachmittag vorgestellt. Rikls Vorfahren mütterlicherseits stammen aus Arnau.

Meeting Brno wurde 2015 gegründet und beschreibt sich selbst als Festival, Schule, Begegnungsstätte. Es möchte der Gesellschaft die Möglichkeit bieten, Menschen, die sie nicht gut kennt und deshalb falsche Vorstellungen von ihnen hat, persönlich kennenzulernen. Diese Anliegen waren während des Sudetendeutschen Tags zweifellos deutlich spürbar.
Kirsten Langenwalder
Pressereferentin im Heimatkreis Hohenelbe
Initiatorin und Organisatorin des Informationsstandes Heimatkreis Hohenelbe
